Erkennen, dass das Tier krank ist: frühe Anzeichen
Ein Tier beschwert sich nicht. Es frisst nur etwas weniger, schläft etwas mehr und kommt Sie etwas seltener begrüßen — und genau das ist schon der Anfang eines Gesprächs mit der Praxis.
Aktualisiert: 20. September 2026
Hunde und Katzen haben evolutionär gelernt, Schwäche zu verbergen: In freier Wildbahn wird das Tier, das Schmerz zeigt, zum Ziel. Deutliche Symptome erscheinen deshalb erst, wenn das Kompensieren nicht mehr gelingt — also spät. Halterinnen und Haltern bleibt nur, kleine Abweichungen vom Gewohnten zu bemerken. Um die geht es hier, nicht um Notfälle: Was bei offensichtlich schlechtem Zustand zu tun ist, behandeln wir gesondert im Beitrag zur Ersten Hilfe.
Kennen Sie zuerst die Norm Ihres Tieres
Eine allgemeingültige Norm gibt es nicht: Eine Katze schläft vierzehn Stunden, eine andere achtzehn, und beide sind gesund. Entscheidend ist nicht der absolute Wert, sondern die Veränderung. Das Nützlichste, was Sie tun können, solange alles gut ist, ist daher, den Normalzustand festzuhalten.
- Wie viel das Tier am Tag frisst und wie schnell es an den Napf kommt.
- Wie viel es ungefähr trinkt — bei Katzen besonders wichtig.
- Wie oft am Tag es sich löst und wie das aussieht.
- Wie es im Schlaf atmet: ruhig und leise oder nicht.
- Gewicht. Einmal wiegen und das Datum notieren — dann gibt es einen Vergleichswert.
- Lieblingsgewohnheiten: wo es schläft, wie es Sie begrüßt, welche Spiele täglich vorkommen.
Tipp
Machen Sie einmal im Monat einige Fotos von der Seite und von oben bei gleichem Licht. Allmähliche Gewichtsveränderung sieht man im Alltag gar nicht, auf zwei Fotos im Abstand von drei Monaten sofort.
Appetit und Wasser
Das ist der empfindlichste Indikator überhaupt — und zugleich der, den man am leichtesten als Laune abtut.
- Futterverweigerung über mehr als einen Tag beim Hund und über mehr als einen Tag bei der Katze gehört abgeklärt. Bei Katzen ist das besonders kritisch: Nichtfressen führt rasch zu Leberkomplikationen.
- Frisst wie immer und nimmt trotzdem ab — ein klassisches Zeichen dafür, dass innerlich etwas passiert.
- Frisst plötzlich deutlich mehr und nimmt dennoch ab — ebenfalls ein Warnzeichen und kein "guter Appetit".
- Trinkt deutlich mehr und löst sich häufiger — eine der wichtigsten Veränderungen überhaupt und nie zu ignorieren.
- Kommt an den Napf, beginnt und geht wieder weg; kaut auf einer Seite; lässt harte Stücke fallen — oft sind es die Zähne.
Lösen und Katzenklo
Das Katzenklo ist eine kostenlose tägliche Untersuchung, sofern man hinsieht. Beim Hund gilt dasselbe auf der Runde.
- Veränderte Häufigkeit in beide Richtungen. Seltener ist genauso bedenklich wie häufiger.
- Blut, Schleim, sehr dunkle Farbe, stark veränderter Geruch.
- Pressen ohne Ergebnis oder langes Sitzen im Klo. Bei Katzen, besonders bei Katern, ist Harnverhalt ein Notfall und gehört noch am selben Tag in die Praxis.
- Eine Katze geht plötzlich neben das Klo. Auszuschließen ist zuerst nicht Trotz, sondern Schmerz — dazu haben wir einen eigenen Beitrag.
- Durchfall oder Erbrechen über mehr als einen Tag, mit Blut sofort.
Atmung in Ruhe
Der am meisten unterschätzte häusliche Messwert und einer der aussagekräftigsten. Gezählt wird, während das Tier schläft oder ruhig liegt, nicht nach dem Spielen.
- 1Beobachten Sie den Brustkorb im Schlaf.
- 2Zählen Sie das Heben des Brustkorbs eine halbe Minute lang und verdoppeln Sie den Wert. Ein Heben und Senken ist ein Atemzug.
- 3Notieren Sie die Zahl, solange das Tier gesund ist. Das ist Ihr Bezugswert.
- 4Prüfen Sie von Zeit zu Zeit nach. Eine anhaltend erhöhte Ruheatemfrequenz gehört abgeklärt, auch wenn das Tier normal wirkt.
Wichtig
Eine Katze, die in Ruhe mit offenem Maul atmet, ist immer ein Notfall. Katzen hecheln nicht aus Hitze oder Müdigkeit wie Hunde. Dasselbe gilt für angestrengte Bauchatmung, gestreckten Hals sowie blasse oder bläuliche Schleimhäute bei jedem Tier.
Bewegung und Haltung
- Steht nach dem Schlafen schwerer auf, legt sich vorsichtig ab, in mehreren Etappen.
- Springt nicht mehr dorthin, wohin es immer gesprungen ist. Eine Katze, die nicht mehr aufs Fensterbrett geht, hat fast sicher Schmerzen und ist nicht "faul geworden".
- Lahmt — auch wenn es nur die ersten Schritte betrifft.
- Krümmt den Rücken, zieht den Bauch hoch, lässt sich an einer bestimmten Stelle nicht anfassen.
- Läuft im Kreis, hält den Kopf schief, stößt gegen Gegenstände.
Wichtig: Eine Lahmheit, die "von selbst weg ist", ist oft nicht weg — das Tier hat sich nur daran angepasst. Kehrt sie wieder, gehört sie abgeklärt und nicht weiter abgewartet.
Verhalten
Wesensveränderungen erklären Halter mit allem Möglichen — Alter, Wetter, Beleidigtsein. Tatsächlich verändert sich das Verhalten als eines der Ersten.
- Versteckt sich an ungewohnten Orten: unter dem Bett, im Schrank, hinter der Toilette. Bei Katzen eines der stärksten Signale.
- Kommt Sie nicht mehr begrüßen oder klebt umgekehrt plötzlich an Ihnen.
- Knurrt oder faucht bei Berührung an einer Stelle, an der es sich vorher gern streicheln ließ.
- Schläft an neuen Plätzen — näher an der Wärme oder umgekehrt auf kaltem Boden.
- Eine Katze putzt sich nicht mehr und wirkt ungepflegt — oder leckt eine Stelle kahl.
- Plötzliche Gereiztheit bei einem ruhigen Tier. So sieht Schmerz weit häufiger aus als ein tatsächlich veränderter Charakter.
Fell, Haut, Geruch
- Stumpfes Fell, verfilzte Unterwolle, neue Schuppen.
- Kahle Stellen, Kratzwunden, Krusten, gerötete Haut.
- Ein neuer Geruch: aus dem Maul, aus den Ohren, von der Haut. Eine deutliche Geruchsveränderung bedeutet fast immer etwas.
- Knoten unter der Haut — besonders neue oder solche, die ihre Größe verändert haben.
- Augen: Trübung, ein zugekniffenes Auge, Sekret, ein sichtbar gewordenes drittes Augenlid.
Regelmäßiges Bürsten ist der einfachste Weg, all das rechtzeitig zu finden, weil die Hände über den ganzen Körper gehen. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Pflege.
Warum es bei Katzen schwerer ist
Katzen verbergen Unwohlsein besser als Hunde — so gut, dass oft das einzige sichtbare Zeichen "sie ist irgendwie still geworden" lautet. Dazu kommt die Gewohnheit, den größten Teil des Tages zu schlafen, und schon übersieht man die Veränderung ganz.
- Bei einer Katze ist "schläft einfach viel" kein Befund, sondern ein Anlass, alles andere zu prüfen: Futter, Wasser, Klo, Fellpflege.
- Eine Katze, die nicht mehr in die Höhe springt, ist nicht "innerhalb einer Woche alt geworden".
- Veränderungen beim Putzen zählen in beide Richtungen: gar nicht mehr putzen ist schlecht, eine Stelle zwanghaft belecken ebenfalls.
- Ältere Katzen kommen meist mit etwas in die Praxis, das sich über Jahre unbemerkt entwickelt hat. Ab etwa sieben Jahren lohnen regelmäßige Kontrollen, auch wenn alles gut scheint.
Wie man mit der Praxis spricht
Die halbe Miete eines Termins ist eine genaue Schilderung. "Er ist irgendwie anders" stimmt, taugt aber schlecht als Einstieg. Bereiten Sie sich kurz vor, und der Besuch wird doppelt so ergiebig.
- 1Wann genau Ihnen die ersten Veränderungen aufgefallen sind. Nicht "vor Kurzem", sondern ein ungefähres Datum.
- 2Was sich konkret verändert hat: Futtermenge, Trinkmenge, Häufigkeit des Lösens, Schlaf.
- 3Ob es dauerhaft ist oder in Episoden — und zu welcher Tageszeit.
- 4Was sich im Leben des Tieres verändert hat: Futter, Umzug, ein neues Tier, Renovierung, neue Medikamente.
- 5Machen Sie ein Video. Lahmheit, auffällige Atmung, Krämpfe, Zittern — all das zeigt sich im Behandlungsraum meist nicht, und ein Video klärt die Frage in Sekunden.
- 6Nehmen Sie den Impfpass mit und eine Liste von allem, was das Tier bekommt, Ergänzungsmittel eingeschlossen.
Und die Regel, die man verinnerlichen sollte: Im Zweifel anrufen. Eine Beratung, die mit "beobachten Sie es, das ist normal" endet, kostet ungleich weniger als eine Woche Abwarten. Tiere verschlechtern sich schneller als Menschen, und ein gewonnener Tag zählt hier wirklich.
In unserem Tierheim leben über 1000 Hunde und 200 Katzen
Jedes von ihnen wartet auf seinen Menschen. Vielleicht auf Sie.
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